Montag, August 31, 2009

District 9

Eigentlich hätten sie den "Halo"-Film zusammen machen sollen, Peter Jackson (Oscarpreisträger und Schöpfer der "Ringe"-Trilogie) und sein Schützling, der südafrikanische Werbefilm- und Musikclip-Regisseur Neill Blomkamp. Doch es kam anders. Den verantwortlichen Studios Universal und 20th Century Fox war das Risiko, Microsofts Master Chief für 150 Millionen US-Dollar auf die Leinwand zu bringen, zu hoch. Der Film wurde auf Eis gelegt. Jackson und Blomkamp wandten sich daraufhin einem kleineren, weit günstigeren Projekt zu: "District 9", ein Science-Fiction-Thriller, der laut seiner Macher "anders ist als andere Genre-Vertreter". Nachdem ich den Film in einer Presse-Vorführung gesehen habe, kann ich sagen: Sie haben Recht.

Zur Handlung: 20 Jahre ist es im Film her, dass die Aliens die Erde heimsuchten. Während einige Politiker angesichts des gigantischen, über Johannesburg kreisenden Raumschiffs eine Invasion befürchteten, hofften andere auf neue Erkenntnisse in der Waffentechnologie. Beides blieb aus. Stattdessen handelte es sich bei den Außerirdischen um Abertausende verwahrloster Flüchtlinge, die von der südafrikanischen Regierung kurzerhand in ein provisorisches Lager, dem Distrikt 9 direkt vor der Millionenmetropole Johannesburg untergebracht werden mussten.

Zwei Jahrzehnte später, im Film also in der Gegenwart, platzt Distrikt 9 aus allen Nähten (schließlich pflanzen sich auch Aliens fort). Es herrschen anarchische Zustände; Armut, Waffenschmuggel, Prostitution und Mord sind an der Tagesordnung. Die Multi National United (MNU), eine Organisation, die sich um das Alien-"Problem" kümmert, sieht nur ein Mittel: die Auflösung von Distrikt 9. Als ein MNU-Team unter der Leitung des ambitionierten Agenten Wikus van der Merve (Sharlto Copley) den Plan in die Tat umsetzen will, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall: Wikus gerät in Kontakt mit einem Serum, das seine DNS verändert und ihn nach und nach in ein Alien verwandelt. Da die Waffen der Außerirdischen nur von diesen benutzt werden können, macht Wikus’ Mutation ihn plötzlich zum wertvollsten Mann auf dem Planeten und zum Objekt der Begierde seines einstigen Arbeitgebers.

Bereits in den ersten Minuten des Films wird klar, dass man es bei "District 9" nicht mit einem konventionellen Science-Fiction-Film zu tun bekommt. Stattdessen erzeugt Neill Blomkamp durch (glücklicherweise nicht allzu) wackelige Kamerabilder, den rauen, teils unsauberen Schnitt sowie eingestreute Interview- und Nachrichten-Schnipsel einen dokumentarischen und dadurch verblüffend realistisch wirkenden Grundton. Viele Szenen, die die katastrophale Situation der Aliens und deren Verwahrlosung im Distrikt 9 zeigen, erinnern an tatsächliche Ereignisse in Dritte-Welt-Ländern und erzeugen dadurch eine besondere Intensität. Vor allem den professionellen Spezialeffekten ist es zu verdanken, dass Blomkamps Illusion funktioniert. Wenn man das Alien-Mutterschiff in flimmernden TV-Nachrichten oder wackeligen Amateuraufnahmen über Johannesburg schweben sieht, glaubt man kaum noch, "nur" einen Film zu sehen.

Neben der technisch hochkarätigen Umsetzung ist es auch Blomkamps Schauspielerriege ganz ohne berühmte Hollywood-Stars zu verdanken, dass das Szenario und die Atmosphäre in "District 9" derart stimmig ausfallen. Vor allem Sharlto Copley, der seinen Wikus van der Merve als leicht nervösen, bemüht professionell auftretenden MNU-Agenten verkörpert, verblüfft durch sein intensives Spiel und sorgt für ein zusätzliches Maß an Glaubwürdigkeit im gesamten Film. Vorbildlich auch, wie viel Emotionen die Außerirdischen trotz Silikon-Outfit und Gummitentakeln vermitteln. Als ein Alien-Papa seinen Sohn verzweifelt vor den Gewehrläufen der MNU-Agenten zu schützen versucht, schnürte mir das regelrecht den Magen zu.

"District 9" plagt jedoch ein Problem: seine zweite Hälfte, in der sich die anfangs eindrucksvoll aufgebaute und spannend erzählte Rahmenhandlung in einer verhältnismäßig platten Action-Orgie entlädt. Die ist dank spektakulärer Explosionen sowie brachialer Spezial- und Toneffekte zwar nett anzuschauen, macht aber deutlich, wie dünn die Geschichte des Films letztlich ist. Da ich an dieser Stelle nichts verraten will, nur so viel: Sowohl Wikus’ Entwicklung als auch das arg pathetisch geratene Finale überraschen den Zuschauer nur wenig; hier fehlt dem Drehbuch der letzte Schliff. Zudem wechselt Blomkamp zum Ende hin vom anfangs erwähnten, eher bodenständigen Doku-Stil zum konventionell gefilmten Action-Einerlei. Brutale Splatter-Szenen unterstreichen diesen Effekt zusätzlich. Zumindest in der internationalen Version, denn Gerüchten zufolge will der deutsche Filmverleih "District 9" um satte 14 Minuten kürzen, um eine Freigabe ab 12 Jahren zu erhalten.

Aber obwohl "District 9" sein Potenzial nicht ausschöpft und angesichts der anfangs aufgebauten, brillanten Atmosphäre vergleichsweise enttäuschend endet, ist der Film einen Kinobesuch wert. Die so stimmige wie durchgehend packende Inszenierung hebt sich angenehm von bisherigen Science-Fiction-Streifen ab und zeigt eindrucksvoll, dass man mit dem augelutschten "Aliens suchen die Erde heim"-Thema durchaus kreativ umgehen kann. Vor allem aber beweist der Film, wie man mit nur 30 Millionen Dollar und unbekannten Darstellern, aber dem richtigen Talent einen unterhaltsamen, optisch eindrucksvollen (und sogar lehrreichen) Film dreht, der sich locker mit sündteuren Hollywood-Produktionen messen kann. Gibt 4 von 5 Danis.

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14 Comments:

At August 31, 2009 9:42 PM, Blogger Social Hazard said...

hab eben die Werbung im Fernsehen gesehen und mich gefragt ob sich der Film lohnt, aber ich glaub der ist einen Blick wert xD

 
At August 31, 2009 11:51 PM, Anonymous Dowafu said...

arrgh, irgendwie finde ich das total schade, wenn das mit der zweiten hälfte so ist.

 
At September 01, 2009 12:07 AM, Blogger DasDaniel said...

@dowafu: yo, ist tatsächlich etwas ärgerlich. Nichtsdestotrotz kann und sollte man diesem Film eine Chance geben.

 
At September 01, 2009 9:11 AM, Anonymous socke said...

schon als ich peter jackson gelesen hab war ich feuer und flamme. werde mir den film hundert pro anschauen! aber auf englisch im original. gekürzte version? ohne mich! :D
danke für die tolle review

 
At September 01, 2009 9:30 AM, Anonymous Dowafu said...

ach, was ich noch fragen wollte: glaubst du, dass man irgendwas verpasst von der atmosphäre, wenn man die splatter szenen nicht sieht?

 
At September 01, 2009 1:47 PM, Anonymous Hoppala said...

Na ich warte einfach mal auf die
ungeschnittene DVD bzw. BluRay :)
Hauptsache uncut.... im Kino ist es
ja schon zur Mode geworden alles
zu schneiden, deswegen war mein letzter
Kinofilm "Ghostbusters I" gewesen :)

 
At September 01, 2009 6:25 PM, Anonymous socke said...

@daniel : ich hab nach der schule und lernen immer langeweile, gibt es aktuell irgendwelche filme auf dvd die sich lohnen? normale dvd, keine blue-rays :P

 
At September 01, 2009 6:51 PM, Blogger aworldtocome said...

VOLL Bock drauf.

 
At September 01, 2009 7:33 PM, Anonymous Der mit dem Gnu im Schuh said...

Wackelkamera und Effekte in der Ferne erinnern mich doch eher an Cloverfield. Kann man die beiden Filme vergleichen?

 
At September 01, 2009 11:34 PM, Blogger DasDaniel said...

@gnu: nur bedingt. Ganz anderes Thema, ganz anderer Ansatz.

 
At September 02, 2009 4:20 PM, Blogger Headcrap said...

Hört sich echt gut an- aber wie sehen die Aliens da überhaupt aus?

PS: District 9, Section 8,...

 
At September 02, 2009 5:23 PM, Anonymous m. bay said...

... Sector Seven?

Was man auf dem FFF sah, war eine hübsch gestrickte Symbiose aus Action und Story und vielleicht geht das Ende tatsächlich einen Schritt zu weit. Dennoch finde ich, dass District 9 für Action- wie auch Sci-Fi-Genre wegweisend ist und das Zeug zum Klassiker hat.

 
At September 02, 2009 8:52 PM, Anonymous Anonym said...

Wenn man der FSK glauben kann kommt der Film doch ungeschnitten, ab 16.

http://www.spio.de/fskonline%5CPDF%5C0909%5C119482K.pdf

Die Laufzeit stimmt jedenfalls mit der Uncut Fassung überein.

 
At September 02, 2009 10:18 PM, Anonymous Christoph said...

hab gerade ein interview mit peter jackson gesehen. ich bin immer wieder baff, wie dünn der jetzt ist.
http://actionfigurecanada.files.wordpress.com/2009/06/peter_jackson.jpg

 

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