Sonntag, November 01, 2009

2012

Mehr geht immer. Erst legten außerirdische Raumschiffe unsere Großstädte in Schutt und Asche ("Independence Day", 1996), dann hinterließ eine stinksaure Riesenechse eine Schneise der Zerstörung in New York ("Godzilla", 1998), und schließlich rächte sich Mutter Natur höchst selbst mit einer globalen Eiszeit an der Menschheit ("The Day after Tomorrow", 2004). Doch wer dachte, medizinballgroße Hagelkörner, Wirbelstürme in Los Angeles und Tsunamis, die Manhattan hinfort spülen, seien die Grenzen des Katastrophenfilms, hat nicht mit Roland Emmerich gerechnet. Der deutsche Master of Desaster macht seinem Titel alle Ehre und liefert mit "2012" einen Genrefilm ab, der in Sachen Trümmer pro Sekunde die Messlatte für künftige Produktionen gewaltig nach oben schraubt.
Wirft man einen Blick auf seine bisherigen Filme, möchte man meinen, Roland Emmerich könne nichts anderes als die Menschheit in immer gewaltigerem Getöse untergehen zu lassen. "2012" verstärkt diesen Eindruck, denn auch hier greift der Regisseur auf altbewährte Muster zurück. Risse in den Straßen von Los Angeles, ein brodelnder See im Yellowstone Nationalpark und ein Kreuzfahrtschiff, das durch eine plötzliche Welle an den Hafenpier von San Francisco gedrückt wird, bauen in der ersten halben Stunde die für den Rest des Films benötigte bedrohliche Grundstimmung auf. Mittendrin finden sich die üblichen Figurenklischees: der von Familienproblemen geplagte gescheiterte Autor (John Cusack), der Wissenschaftler, dem keiner glaubt (Chiwetel Ejiofor), der ignorante Regierungsberater (Oliver Platt) und ein selbstloser US-Präsident (Danny Glover) bilden die Riege an Abziehbildern, wie sie in jedem Katastrophenfilm vorkommen. Sich mit solchen Charakteren zu identifizieren, fällt wegen der fehlenden Tiefe schwer. Auch die laufend von allen Beteiligten befürchtete Anarchie und das Chaos im Angesicht des drohenden Untergangs zeigt Emmerich nur am Rande in vereinzelten Fernsehübertragungen -- zu wenig, um den Zuschauer emotional zu packen. Auch das dick aufgetragene Pathos der Marke "Wir halten zusammen" (das übrigens selbst Emmerichs schwülstiges Südstaaten-Drama "Der Patriot" alt aussehen lässt) nervt auf Dauer.
Zugegeben, wer sich einen Roland-Emmerich-Film anschaut, der sollte nicht auf die Schwächen des Drehbuchs achten, sondern vor allem spektakuläre Effekte erwarten. Hier zieht der in Sindelfingen geborene Regisseur alle Register. Wie ein Erdbeben der Stärke 10,5 Los Angeles in Schutt und Asche legt, ist ein zehnminütiges Paradebeispiel dafür, wozu die Tricktechnik heutzutage in der Lage ist. Emmerichs Effektkünstler zerlegen L.A. optisch derart eindrucksvoll und endgültig, dass man der auch in Wahrheit von regelmäßigen Rüttlern gebeutelten Millionen-Metropole erst mal keinen Besuch mehr abstatten möchte. Neben bebender Erde lässt Emmerich auch jede Menge anderer Naturkatastrophen über die Menschheit hereinbrechen. Ob gigantische Vulkanausbrüche, Städte verschlingende weil aufreißende Kontinentalplatten oder Flutwellen, die selbst über die 8.000 Meter hohen Gipfel des Himalayas schwappen, in "2012" ist eine Sequenz spektakulärer als die andere. Ironischerweise kommt die gigantische Zerstörungsorgie im vor einigen Monaten veröffentlichten Trailer schlechter rüber, als im eigentlichen Film. Lasst euch also nicht von den Werbeclips abschrecken; "2012" ist der in Sachen Ton- und Bildeffekte mit Abstand eindrucksvollste Film des Jahres und dürfte im kommenden Frühjahr entsprechende Oscar-Nominierungen einsacken.
Trotz seiner überlangen Laufzeit von 158 Minuten kommt in "2012" keine Langweile auf. Das hat der Film nicht nur seinen großen Schauwerten, sondern auch seiner guten Besetzung und dem wohl dosierten Humor zu verdanken. Selbst in Momenten größter Dramatik platziert Emmerich gekonnt charmante Schmunzler und so manch gelungenen Witz. Da mag man es dem Regisseur verzeihen, dass in seinem Trümmerfilm nicht nur die Welt, sondern auch die Logik regelmäßig den Bach runter geht. Eine Limousine, die mit Vollgas durch einen gerade einstürzenden Wolkenkratzer brettert, gehört da noch zu den harmloseren Beispielen. Sei’s drum, denn was der Film will, das meistert er mit Bravour: dem Zuschauer beste Popcorn-Unterhaltung zu liefern. Klar, wer anspruchsvolles Arthaus-Kino erwartet, ist hier definitiv falsch. Alle anderen hingegen bekommen einen eindrucksvollen Krachmacher serviert, für den die große Leinwand wie geschaffen ist. Langsam sollte sich Emmerich aber nach einem neuen Genre umsehen, denn dieses Spektakel zu übertreffen, dürfte selbst dem König der Katastrophen schwerfallen. Gibt 4 von 5 Danis.

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6 Comments:

At November 01, 2009 1:43 PM, Blogger Social Hazard said...

Bei der Patriot fällt mir immer sofort Mel Gibson ein wie er mit der Amerikanischen Flagge rumrennt und allen Leuten zu ruft sie sollen die Linie halten. xD Der war echt Kitschig xD

Naja Ich mochte Roland Emerich noch nie so wirklich und ich werde mir 2012 genauso wenig ansehen wie the day after tomorrow xD

 
At November 01, 2009 1:56 PM, Anonymous Vivi said...

Ich find Emmerichs Filme zumindest um Meilen sympathischer als den Bay-Schund, selbst wenn ich nur einen davon (der Grundlage einer tollen Fernsehserie wurde) wirklich mag.

 
At November 01, 2009 4:18 PM, Blogger xxxxxxxxxxxxx said...

Ich hab den Trailer geschaut und dachte: Hey, macht doch einfach den nächsten konsequenten Schritt, und lasst einfach jede Form von Handlung weg. Ich schaue mir gerne 120 Minuten reine, gut animierte Zerstörungsorgien an, wenn Musik und Animation stimmt habe ich damit kein Problem. Das spart Schauspieler, Drehbuchregisseure und Zuschauernerven, denn wer in einen solchen Katastrophenfilm reingeht will doch eh keine Schauspieler sehen. Höchstens Millionen sterbender Menschen, aber die kann man ja auch animieren.

 
At November 02, 2009 9:11 PM, Anonymous Tobi-Wan said...

Habe den Film in einer Pressevorführung gesehen und würde seine Stärken und Schwächen genauso aufzählen wie Daniel es getan hast. Aber: Der Film ist meines Erachtens nach dermaßen hohl und kitschig (was die Weltuntergangsatmosphäre gewaltig ausbremst), dass man die Zerstörungseffekte sowie die Kurzweiligkeit des Films schon sehr stark gewichten muss, um ihn als gut zu bezeichnen.

 
At November 06, 2009 1:56 PM, Blogger aworldtocome said...

Bei solchen Filmen wünschte ich mir, sie würden die "Handlung" komplett rausstreichen und es als einstündige 3D-Animation vermarkten.

 
At April 06, 2010 12:07 AM, Anonymous Der mit dem Gnu im Schuh said...

Zum Glück gibt es beim BR-Player die Möglichkeit mit 1.5-facher Geschwindigkeit die Sache anzugucken.
1.) Weil es sonst mit der Rückgabezeit von 3 Stunden knapp geworden wäre (6 Stunden hätten das Doppelte gekostet)
2.) Übersteht man die Dialoge besser. Ich habe gar nicht mehr gezählt, wie häufig ich mir auf die Stirn geklatscht habe.

Ausserdem fehlen definitiv die Tauben am Ende des Films - wenn schon sonst jedes Klischee ausgelutscht wird, dann sollte man hier doch nicht aufhören (untermalt mit Spherenklängen). Ich frage mich echt, ob sich die Autoren nicht selbst kaputt gelacht haben, bei all dem Mist, den sie da geschrieben haben.

 

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