Für die Forschung
Mist, zu spät ausgewichen. "Guten Tag," schallt es mir in der Münchner Fußgängerzone entgegen. "Haben Sie kurz Zeit für einen Geschmackstest?" Bevor ich verneinen kann, legt die adrett gekleidete Mittvierzigerin nach: "Es dauert nur sieben Minuten." Aha. Warum nicht sechs oder acht? "Sie bekommen drei Softdrinks zur Probe. Zwei davon sind identisch, der dritte unterscheidet sich leicht. Sie sollen die Abweichung benennen." Das widerum klang recht spannend. Ich willige ein. Sichtlich zufrieden zieht mich die Dame weg vom Trubel in eine schmale Seitengasse zu einer abgelegenen Tür. "Wie alt sind Sie? Konsumieren Sie öfters Cola oder andere zuckerhaltigen Getränke?" Es geht in einen Aufzug, für dessen Beschreibung "rustikal" noch schmeichelhaft wäre und in dem gerade mal eineinhalb Personen Platz fanden. "Wann haben Sie das letzte Mal etwas stark Fetthaltiges gegessen? Nehmen Sie zur Zeit sinnesbeeinträchtigende Medikamente?" Im vierten Stock angekommen finde ich mich in einem sterilen Flur wieder, in dem durch Leuchtstoffröhren und den scharfen Geruch von Reinigungsmitteln sofort Klinik-Atmosphäre aufkommt. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch eine junge Frau, die mir im Arztkittel entgegen kommt und die Hand reicht. Dann geht es weiter in den Proberaum. Warten da drin nun ein paar Chirurgen mit Munschutz, Skalpell und Chlorophorm, die ahnungslosen Shoppern die Nieren klauen, um sie meistbietend auf eBay zu versteigern? Entwarnung, nur ein Tablett mit einem Wasserglas und einer halben Scheibe Toastbroat. "Zur Neutralisierung der Geschmacksnerven", wird mir erklärt. Wohl eher zum Trockenlegen der Mundhöhle, so alt wie der Toast ist. Als ich bereit bin, drücke ich einen Signalschalter. Das Tablett vor mir dreht sich wie von Geisterhand um 180 Grad und offenbart drei nummerierte und mit Limonade gefüllte Gläser. Ich probiere das erste. Schmeckt wie Spezi. Dann das zweite. Schmeckt auch wie Spezi. Das letzte -- welch Überraschung -- ebenso, nur einen Hauch süßer als die anderen. Ich tippe die entsprechende Zahl in einen Computer und betätige erneut den Knopf. "Oh, schon fertig?" Piece of cake, denke ich und verlasse den Raum. "Vielen Dank für Ihre Teilnahme." Hoffentlich habe ich mit diesen abenteuerlichen sieben Minuten dazu beigetragen, dass in Sachen Softrinks "zuckerfrei" künftig nicht mehr auch "geschmacksfrei" bedeutet. Ein Hoch auf die Forschung.
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